Jul 28, 2010

Die erste Geschäftsreise neigt sich dem Ende zu

Ja, wie es die Überschrift schon sagt…Heute ist der letzte Tag hier in Tschernobyl, aus diesem Grund werde ich hier mal ein allzusammenfassendes Resumé abgeben.

Zunächst einmal werde ich ein paar Worte über Slavutich verlieren. Das ist das kleinen Städtchen, in dem das Hotel ist und wo die ganze Arbeiterschaft des Kraftwerks wohnt, wobei es sich dabei immernoch um mehrere Hundert Menschen handelt, die in Schichten jeden Tag ihren Dienst verrichten. Das Kraftwerk wurde im Jahreswechsel 2007/2008 komplett abgeschaltet, aber scheinbar ist noch ein großer Verwaltungsaparat nötig, der noch aufrechterhalten wird. Ein Großteil der Bevölkerung in Slavutich arbeitet also im Kraftwerk. Slavutich selbst ist eine sehr junge Stadt, sie wurde von den damals helfenden Nationen errichtet für die Menschen, die ihr Heim bei der Evakuierung der Stadt Pripjat verloren hatten. Es stehen überall Denkmäler und Brunnen, große Plätze mit angrenzenden Parkanlage zeichnen die Stadt. In Verbindung mit dem tollen Wetter, dass in der Zeit meines Aufenthalts herrschte, kam man sich manchmal vor, wie im Urlaub. Wenn man abends auf dem Nachhauseweg von der Elektrischka durch den Ortskern lief und die Stadt in das orangerote Licht des Sonnenuntergangs getaucht wurde, in Verbindung mit der warmen Luft, die einen umgab und natürlich die fremde Sprache, die ich zum Beispiel nicht verstand ;), kam das ein oder andere Mal wirklich der Gedanke an Urlaub auf, erst als man dann an sich runterschaute, das langärmlige Hemd und die Notebooktasche sah, wusste man, dass man nicht im Urlaub ist.
Aber man soll die Sache ja positiv sehen, man hatte zumindest eine Ablenkung und wurde nach der Arbeit etwas froher gestimmt.
Was mich sehr verwundert hat auf der Reise ist, dass die überwiegend junge Bevölkerung (Durchschnittsalter in Slavutich ist 23 Jahre!!!) kaum bis gar kein Englisch spricht. Wenn man also der Landessprache nicht mächtig ist, kann es wirklich schonmal schwer werden ohne Dolmetscher ein Bier zu bestellen. Man ist in dem Falle dann auf Zeichensprache angewiesen, aber bisher habe ich noch jeden Abend mein Feierabendbierchen bekommen. Zum Glück werden in den meisten Lokalen zumindest die Speisekarte mit den englischen Begriffen gekennzeichnet, sodass man hier auf das gewünschte Gericht zeigen kann.
Sehr fortschrittlich ist der Asbau von Wlan in Slavutich. Nahezu in jedem kleinen Café kann man kostenlos das Internet nutzen. Auch im Hotel war dies möglich, somit konnte man eigentlich an jeder Stelle kostenlos Kontakt nach Hause aufnehmen, was als Iphonenutzer natürlich sehr gut nutzbar ist.
Das Hotel war einfach, aber im Großen und Ganzen sauber. Um ehrlich zu sein, ich hatte es mir schlimmer vorgestellt.

Die tägliche Fahrt ins Kraftwerk habe ich ja schon weiter untem im letzten Artikel beschrieben. Dennoch möchte ich nochmal kurz dieses Thema anschneiden.

Karte Slavutich - Tschernobyl

Wie man auf der Karte sehen kann führt der Weg der Elektrischka durch Weißrussland. Die beiden Flüsse, die man überquert ziehen sehr weitläufig ihre Pfade durchs Land, daher auch die idyllische Sumpflandschaft, die sich daraus ergibt. Die Natur hat sich die Umgebung um das Kraftwerk zurückgeholt.
Schon von weitem sieht man das Kraftwerk

Die Blöcke von weitem

Bei den Blöcken 5 und 6 wurde damals durch erhöhte Strahlendosen durch das Unglück die Arbeit an den halbfertigen Blöcken eingestellt und nie fortgesetzt. Grund dafür waren sowohl finanzielle als auch politische Beschlüsse. Weiter zu sehen sind Block 1 und 2.

Wenn man nicht wüsste, was damals im Kraftwerk Tschernobyl passiert ist, könnte ganz leicht der Eindruck entstehen, das dies einfach nur ein altes Kraftwerk sei, das eben stillgeleg wurde. Man erkennt den Unglücksmailer schon von weitem aufgrund seines Aufbaus des Schornsteins, den man sich sicher als Bildern gemerkt hat. Am Bahnhof der Elektrischka muss man zunächst eine Passkontrolle durchlaufen, die aber sehr schnell zur Routine wird. Außerhalb des Bahnhofs warten dann verschieden große Busse, die die Arbeiter an die verschiedenen Plätze auf dem Kraftwerksgelände bringen. Man kann den weg zum Eingang auf das Gelände auch zu Fuß erreichen, aber mit dem Bus ist es natürlich durchaus bequemer, obwohl die meisten Busse schon bessere Tage gesehen haben und der Zahn der Zeit seinen Tribut geleistet hat. Am Eingang sind viele Denkmaler zu finden, die an das schreckliche Ereignis in den 80ern erinnern sollen. Genauso wurde gegenüber des Einlasses Gedenktafeln errichtet, die die Namen der damals verstorbenen Menschen tragen. Erst später bemerkt man wieder den Kontrast, denn der Einlass des Kraftwerks ist durchaus hübsch gestaltet mit Blumenbeeten und eben den schon genannten Denkmälern.
Um Einlass in das Gelände zu bekommen ist immer eine Person des Kraftwerkpersonals von Nöten. Dazu wurde wohl nur eine Hand voll Leuten auserkoren, da man am Tag immer die selbe Eskorteperson hatte. Diese hatte ein Blatt Papier, auf dem Namen und Passnummer geschrieben war. Am Eingang musste sich nun jeden Tag zuerst die Eskortperson, dann der Besucher ausweisen. Und das immer am morgen, am Mittag wenn man zum essen in die hiesige Kantine ging, wenn man zurück vom essen kam und wenn man abends das Kraftwerk verließ. Dazu kommen noch mehrere Drehkreuze, die man nur mit Anwesenheit der Eskortperson durchlaufen konnte. Im Großen und Ganzen dauerte es also seine Zeit bis man im Komplex war, genauso auch wenn man essen ging oder zurück ins Hotel wollte. Nachdem die Hürde des Sicherheitspersonals überwunden war, musste noch ein etwas abenteuerlicher Pfad zum Abfallzentrum der Nukem Technologies zurückgelegt werden. Man läuft dabei an alten ausgedienten Tanks vorbei, die einfach im Gras liegen, man muss unter Rohrleitungen fast schon durchlgrabbeln, über stillgelegte Schienen stolpern und über eine kleine rostige Leiter klettern, die einem über eine beinhohe Mauer hilft. Dann endlich ist man am Nukemgebäude angekommen. Ein durchaus abenteuerlicher Pfad, der aber sehr schnell zum gewohnten Alltag wird. Das Abfallzentrum sticht aus der Umgebung heraus durch sein neues Erscheinungsbild. Der Rest des Kraftwerks wirkt erwartungsgemäß alt und heruntergekommen. Fassaden, die sicherlich irgendwann einmal schön anzusehen waren, haben schon längst ihren Glanz verloren. Vom Nukemgebaude aus ist man sehr nahe dem Block 4, der damals für das Unglück verantwortlich war. Ein sehr seltsames Gefühl, so nah, nur etwas mehr als vielleicht 100 Meter, von diesem Ungetüm zu sein.

Block 4

Für den heutigen Tag soll es an dieser Stelle genug sein. Heute Nacht Fliege wir, Dr. Simon und ich, zurück in die Heimat. Von da aus werde ich den Bericht dann zuende bringen.

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